Beendet Mario Gomez seine Karriere in Wolfsburg?
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Beendet Mario Gomez seine Karriere in Wolfsburg? Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Beendet Mario Gomez seine Karriere in Wolfsburg?

Die WM 2018 wird sein letztes Turnier

SPORT BILD: Herr Gomez, fürchten Sie um Ihren Platz in der Nationalmannschaft?

Mario Gomez (31): Nein, warum?

Weil Sie mit dem VfL Wolfsburg im Abstiegskampf stecken.

Eine schlechtere Saison kann sich natürlich für jeden Spieler im Hinblick auf die Nationalelf negativ auswirken. Aber der Bundestrainer und ich haben erstens ein gutes Verhältnis, und zweitens weiß er, was ich kann. Das hat sich aufgrund der bisher durchwachsenen sieben Monate in Wolfsburg nicht geändert, und zuletzt ging es ja auch wieder bergauf.

Also rechnen Sie fest mit der Nominierung für das Freundschaftsspiel gegen England und die WM-Qualifikations-Begegnung in Aserbaidschan?

Ich gehe von gar nichts aus. Am Ende ist es die Entscheidung von Joachim Löw. Klar ist es für mich ungewohnt, zu diesem Zeitpunkt der Saison vergleichsweise wenig Tore erzielt zu haben (acht Treffer in der Bundesliga; d. Red.). Jedoch weiß ich, dass ich körperlich trotzdem in meiner besten Verfassung bin.

Ist es mit Blick auf die WM 2018 ein Nachteil, dass Sie kommende Saison mit Wolfsburg nicht international spielen werden?

Welcher Spieler möchte nicht immer Champions League spielen? Das hatte ich auch zu Saisonbeginn gesagt, als ich zum VfL Wolfsburg kam. Allerdings hatte ich da auch noch zu wenig Kenntnis davon, was hier im Sommer so abgelaufen ist. Da lag schon einiges im Argen. Ich glaube aber nicht ...

Was?

Dass mich sechs weitere Europapokal-Spiele in der kommenden Saison zu einem viel besseren Spieler machen würden. An dieser Erfahrung mangelt es mir sicher nicht. Im Sommer 2018 wird der Bundestrainer entscheiden: Wer ist fit und stark genug für die WM? Das sind die Kriterien und nicht, ob ich noch mal sechs Champions-League-Spiele bestritten habe oder nicht.

Fürchten Sie die neue Konkurrenz im Angriff mit Timo Werner von RB Leipzig oder Sandro Wagner aus Hoffenheim?

Mit Konkurrenz habe ich kein Problem. Im Gegenteil, sie ist sogar wichtig. Ich habe zehn Jahre mit Miroslav Klose konkurriert. Das war einer der besten Stürmer, die es jemals gab. Auch dieses Duell hat mich besser gemacht.

Wäre die WM 2018 Ihr letztes großes Turnier?

Ja, davon gehe ich aus. Man muss realistisch sein. Während der WM in Russland werde ich 33 Jahre alt. Ich glaube nicht, dass es viele Stürmer gibt, die mit 35, 36 noch so explosiv sind, wie Miro Klose es war. Ich will es bei mir aber nicht zu 100 Prozent ausschließen. Man weiß nie im Fußball.

Für Michael Ballack, viele Jahre Kapitän der Nationalelf, ist Deutschland bei der WM in Russland nicht der absolute Top-Favorit. Er begründet es damit, dass es Problem-Positionen im Sturm und bei den Außenverteidigern gibt. Zudem seien einige Spieler auf ihrem Level stehen geblieben.

Wir müssen davon wegkommen, immer nur den jetzigen Moment zu sehen im Hinblick auf ein kommendes Turnier. März 2017 ist für die WM 2018 noch überhaupt nicht relevant. Im März 2015 hat auch fast niemand mit mir für die Euro 2016 gerechnet. Dann haben in Frankreich viele gesagt: Wenn Mario Gomez fit gewesen wäre, wären wir Europameister geworden. Und jetzt wird plötzlich diskutiert, ob ich überhaupt noch gut genug für die Nationalmannschaft bin. Das ist sieben Monate her. In der Zeit bin ich keine zehn Jahre älter geworden. Ich erlebe zwar eine schwierige Saison mit Wolfsburg, weiß aber, dass ich immer noch dasselbe kann wie im Sommer. Der Fußball ist brutal schnelllebig. Die Dinge ändern sich noch zigmal bis zur WM.

Bei der Nationalmannschaft treffen Sie Julian Draxler wieder, der im Januar zu Paris St-Germain flüchtete. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm nach Ihren kritischen Äußerungen im Dezember? Damals sagten Sie sinngemäß, dass alle den Verein verlassen sollen, die keine Lust mehr auf den VfL haben.

Wir haben einen super Kontakt, schreiben uns regelmäßig. Ich habe mit meiner Aussage auch keinen Einzelnen kritisieren oder Unruhe stiften wollen. Ich wollte nur klären, wie es sein kann, dass eine Mannschaft, die so viel Potenzial hat, so wenig Leistung abruft wie in der Hinrunde. Man hatte damals gemerkt, dass es bei uns größere Probleme gab. Dass sich Spieler nicht verstanden gefühlt haben vom Verein. Es ging im Umfeld des VfL nicht mehr um den Sport, es gab viel zu viele Nebengeräusche.

Da zogen Sie die Notbremse.

Ich hatte damals das Gefühl, sagen zu müssen: Es geht nur zusammen, sonst werden wir ein blaues Wunder erleben! Wir sind nicht die erste Mannschaft, bei der Spieler kommen und gehen. Ich wollte einfach nur, dass jeder die Gruppe respektiert und sich dieser unterordnet. Nicht mehr und nicht weniger sollte diese Aussage bedeuten. Das ist für mich einfach die Basis für Erfolg im Mannschaftssport.

Können Sie Draxlers Verhalten mit dem Ich-will-weg-Interview verstehen? Ist er ein Abzocker?

Wir wissen doch alle nicht, was passiert ist. Julian war sauer. Der eine oder andere hat ihm gesagt, dass sein damaliges Verhalten vielleicht der falsche Weg war. Aber Julian ist jemand, der immer eine klare Meinung hat, geradlinig ist. Er hat ja auch die Konsequenzen getragen, als er auf die Bank musste, ohne Stunk zu machen. Und ein Abzocker ist er sicher nicht.

Sie hatten in der Winter-Transferperiode ein Angebot aus China, Tianjin Quanjian soll -Ihnen ein Jahresgehalt von 15 Millionen Euro geboten haben?

Die Summen sind wirklich verrückt. Wenn man das in der Zeitung liest, dann sagt man sich: Na klar. Doch wenn man ein Angebot - ohne auf Zahlen einzugehen – wirklich vorliegen hat, fragt man sich: Ist das deren Ernst – oder ein Schreibfehler? (lacht) Fakt ist: Es passt gerade nicht in meine Lebensphase. Ich will zur WM.

Beim VfL besitzen Sie zwar einen Kontrakt bis 2019. Doch beim Verpassen des internationalen Geschäfts mit dem VfL besteht die Möglichkeit, den Klub vorzeitig zu verlassen. Wie geht es im Sommer weiter?

Ich bin so eingestellt, dass ich eine Station mit einem schönen Erlebnis und einem guten Gefühl verlassen möchte. Das war bei Bayern so, in Stuttgart und in Istanbul. In Florenz war es nicht so. Da ging es nach zwei Jahren einfach nicht mehr. Ich möchte auch Wolfsburg irgendwann mit diesem guten Gefühl verlassen.

Also sehen Sie Ihre Zukunft in Wolfsburg?

Ganz konkrete Gedanken habe ich mir darüber noch nicht gemacht. Es wird so laufen, wie wir es immer angekündigt haben: Nach der Saison setzen wir uns zusammen. Ich habe ein sehr gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu den Verantwortlichen. Jetzt mit dem Trainer und dem Weg, den wir eingeschlagen haben, kann ich mir es mehr als vorstellen.

Jetzt geht es um die Existenz des VfL. Im Heimspiel gegen Darmstadt ist ein Sieg Pflicht!

Die Situation ist brenzlig. Wir haben uns lange schwergetan zu akzeptieren, dass wir im Abstiegskampf stecken. Es ist ein wenig absurd. Viele Gegner spielen gegen uns schon ab der 30., 40. Minute auf Zeit. Selbst die Gegner sehen uns in unserer aktuellen Situation noch als „Qualitätsmannschaft“.  

Schafft Wolfsburg mit dem neuen Trainer Andries Jonker nach dem 1:0 in Leipzig also den Klassenerhalt?

Ja! Wir Spieler vertrauen zu einhundert Prozent dem, was der Trainer von uns will. Man sieht, welche Idee Andries Jonker hat, und wir funktionieren jetzt wieder als Mannschaft.

Abschließend noch ein anderes Thema: Ex-Nationalspieler und Werder-Legende Uli Borowka hat zuletzt bei „Markus Lanz“ darüber gesprochen, dass laut der Spielergewerkschaft FIFPro 19 Prozent der Profi-Fußballer heute suchtkrank sind. Was sagen Sie dazu?

Ich habe das auch im TV gesehen. Ich war erschrocken und konnte es im ersten Moment gar nicht glauben. Es ist ein ernstes Thema. Ich denke, dass es da in erster Linie um Spielsucht geht. Wobei man aber klar definieren muss, wann Sucht beginnt. Dass es heutzutage Alkoholiker im Spitzen-Fußball gibt, kann ich mir schwer vorstellen. Heute kommt alles raus. Das kannst du doch nicht verstecken!