Andries Jonker: „Da ist keine Zeit für Romantik“
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Andries Jonker: „Da ist keine Zeit für Romantik“ Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Andries Jonker: „Da ist keine Zeit für Romantik“

Der Trainer erklärt, wie er Wolfsburg retten will

Sport Bild: Herr Jonker, Sie gehörten zum Trainerstab des holländischen Nationalteams unter Louis van Gaal. Jetzt ist deren WM-Qualifikation in Gefahr. Bondscoach Danny Blind wurde entlassen. Kann nur van Gaal Holland retten?

Andries jonker (54): Davon sind viele überzeugt. Klar ist: Wenn Louis kommt, weiß man, was man hat. Dann gibt es Ordnung und Struktur. Er hält sich nicht mit anderen Meinungen auf. Er geht seinen Weg. Es fühlt sich so an, dass so ein Mann im holländischen Fußball jetzt gefragt ist.

Falls van Gaal nicht kann, würden Sie übernehmen?  

Ich? Nein, mich braucht keiner anzurufen. Ich habe in Wolfsburg genug zu tun.

Was ist denn schwieriger: den VfL oder Holland zu retten?

In Holland geht es um mehr als die Nationalelf. Es geht um eine Strategie, um die Nachwuchs-Arbeit. Als Louis und ich beim Verband waren, haben wir den Master-Plan für die Jugend gemacht. Das hatte damals viel gebracht. Jetzt ist es an der Zeit, wieder ein Konzept zu erstellen, das Holland zurück an die Spitze bringt. Und man muss die Frage beantworten, ob Holland immer schön spielen und gewinnen muss, oder ob es nicht einfach nur ums Gewinnen geht. Holland ist gespalten in Romantiker und Realisten.

Sind Sie in Wolfsburg gerade Romantiker oder Realist?

Grundsätzlich macht man doch Sport, weil man Spaß daran hat. Spieler und Zuschauer müssen Lust darauf haben. Ich bin geprägt von Ajax und Holland in den 70er Jahren. Das war schöner Angriffsfußball. Das liebe ich. Aber es ist auch das Schwierigste. In der aktuellen Situation müssen wir nur unten weg. Da ist keine Zeit für Romantik!

Lust auf Abstiegskampf zu vermitteln erscheint schwierig.

Ich möchte dennoch, dass jeder mit Lust und Freude zum Training kommt. Ich bin davon überzeugt, dass man sich nur verbessert, wenn man auch gern dort ist.

Spaß ist nicht das Erste, woran man bei van Gaal denkt.

Das ist komisch. Es gibt kaum einen Spieler, der schlecht von Louis redet. Er ist ein guter Mensch, weil es auch die emotionale Seite gibt.

Wie meinen Sie das?

Es gab zum Beispiel beim Verband eine große Weihnachtsfeier mit allen Angestellten und Live-Musik. Louis begann zu tanzen – mit jeder Frau, die dort war. Egal, welche Position sie hatte, egal wie hübsch, egal wie alt. Er hat alle gleich behandelt. Es hat ihm einfach Spaß gemacht, und er wusste, dass es ein toller Moment für die Damen ist.

Sie wirken bodenständig, haben sich mit Fans und Mitarbeitern zum Antritt getroffen.

Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, am Stadtrand von Amsterdam. Meine Eltern haben sehr viel für meinen Bruder und mich getan. Aber wir hatten kein Auto, sind auch nie in den Urlaub geflogen. Das hat mich geprägt. Aber ich habe auch viele Eindrücke von anderen Kollegen und Ausbildern mitgenommen. Louis van Gaal war einer von ihnen. Seine direkte Art gefällt mir und die habe ich auch.

Welche Prinzipien haben Sie?

Ich möchte, dass man sich normal verhält. Wenn um 9 Uhr Training ist, dann beginnen wir um 9 Uhr und nicht um fünf nach neun. Und Müll werfen wir in die Tonne und nicht daneben. Das ist nichts Besonderes. Da braucht man auch keine Geldstrafen. Man muss es nur verstehen.

Wie sind Sie eigentlich zu van Gaal gekommen?

Ich war Stützpunkt-Trainer in Amsterdam und sollte der Verbindungsmann des Verbandes zu Ajax sein. Ich habe Louis im Ajax-Vereins-Restaurant getroffen. Er war schon lange Chef-Trainer bei Ajax und wusste trotzdem genau, wer ich bin. Kurz darauf musste ich während meiner Pro-Lizenz-Ausbildung bei einem Verein hospitieren. Ich fragte Louis. Er verlangte von mir, neben meinem Hauptberuf bei jedem Training und bei jedem Heimspiel dabei sein zu müssen. Am Saisonende wollte er, dass ich Spiel-Analysen mache. Sie haben ihm gefallen. Drei Jahre später hatte er mich zum Jugend-Nationaltrainer gemacht und zwei Jahre später fragte er mich, ob ich mit nach Barcelona komme. Was hätten Sie da geantwortet?

In Wolfsburg arbeiteten Sie unter Felix Magath. Was haben Sie von ihm mitgenommen?

Ich bin von mir aus sehr strukturiert und organisiert. Von Felix habe ich gelernt, dass es einen Reiz ausmacht, auch einmal etwas Überraschendes zu machen. Etwas, das man nicht erwartet.

Was ist anders, wenn man Chef-und nicht Co-Trainer ist?

Das ist ein sehr großer Unterschied. Jetzt muss ich Entscheidungen treffen. Ich bin in den ersten Tagen um 9 Uhr auf das Gelände gekommen und um 20 Uhr wieder gefahren. Dazwischen hatte ich keine Minute für mich. Es gibt immer etwas. Als Co-Trainer ist es viel ruhiger. Da gibt es nicht so viele Leute, die etwas von dir wollen. Als Chef-Trainer kommen die Fragen aus allen Richtungen.

Was macht mehr Spaß?

Als Co-Trainer hast du viel Zeit, dich mit Spielern allein zu beschäftigen. Wenn man im Spiel sieht, dass es klappt, macht einen das stolz. Als Cheftrainer hast du diese Möglichkeit nicht, da musst du die Aufmerksamkeit auf alle verteilen.

Träumen Sie davon, einen der großen Vereine als Chef-Trainer zu betreuen?

Ich habe es mir abgewöhnt, nach etwas zu streben, aber auch, etwas auszuschließen. In meiner Karriere passieren die Dinge einfach. Als ich 28 war, habe ich meinen Beruf als Sportlehrer aufgegeben, um Vollzeit im Fußball-Verband zu arbeiten. Das hat mich damals 500 Gulden im Monat gekostet. Danach habe ich mich nie irgendwo beworben. Ich wurde immer gefragt. Ich hatte auch nie einen Berater, der mich irgendwo vorgeschlagen hat. Ich habe in Deutschland ein Angebot von Hertha BSC abgelehnt, auch aus dem Ausland gab es einige Angebote, zum Beispiel, Nationaltrainer von Estland zu werden. Aber diese Abenteuerlust hatte ich nicht.