Bayern-Spielmacher Thiago Alcántara
Der Chef im Bayern-Zentrum: Spielmacher Thiago kam 2013 für 25 Mio. Euro vom FC Barcelona. Seitdem wurde er viermal Meister mit den Münchnern / Quelle: Getty / All rights reserved.

Thiago: Wir brauchen keinen 100-Mio-Star

Der Spanier kann die Diskussionen um die Transfers nicht verstehen: Er sagt, dass Bayern auch ohne Lahm und Alonso auf einer Stufe mit Barça und Real Madrid steht

Von Tobias Altschäffl

SPORT BILD: Thiago, mit welchem Gefühl kommen Sie aus der Sommerpause nach München zurück?

Thiago Alcántara (26): Es war eine lange, harte Saison, die Pause hat gutgetan: Ich habe Zeit mit Freunden und der Familie verbracht und stand auch auf dem Platz, bei meinem Fußballcamp, das ich gemeinsam mit meinem Bruder (Profi bei Barça; d. Red.)ausrichte. Mein Vater (der brasilianische Ex-Nationalspieler Mazinho; d. Red.) war auch dabei. Das ist eben der Ort, der meine ganze Familie zusammenführt: das Fußballfeld.

Sie haben eine spezielle Beziehung zu Carlo Ancelotti. Konnten Sie die Kritik an Ihrem Trainer am Ende der vergangenen Saison verstehen?

Nein, null Komma null. Wir haben teilweise fantastisch gespielt und auch unter unglücklichen Entscheidungen gelitten. Aber das ist schon alles. Real Madrid war nicht besser als wir, sondern hatte etwas mehr Glück. Und sie gewannen am Ende souverän den Titel. Also was soll die Kritik am Trainer? Das ist Unsinn. Er hat das Beste aus der Mannschaft herausgeholt.

Uli Hoeneß erklärte schon auf dem Rathausbalkon, als die Meisterschale präsentiert wurde: „Ein Titel ist auf Dauer ein bisschen wenig.“ Was denken Sie über diese Aussage?

Wir sind vielleicht nicht völlig zufrieden, vielleicht wäre noch mehr möglich gewesen. Aber wir hatten in der Champions League und im DFB-Pokal auch viel Pech, sind zweimal sehr unglücklich ausgeschieden.

Pep Guardiola sagte einst in Bezug auf Sie: „Thiago oder nix.“ Heißt es aufgrund der hohen Erwartungshaltung in München inzwischen: „Triple oder nix“?

Dieses Gefühl habe ich nicht. Der Traum ist sicherlich die Champions League, aber diesen Titel zu gewinnen ist sehr schwierig.

Sie kamen nach München, um die Champions-League zu gewinnen. Wie wichtig ist Ihnen der Henkelpott?

Ich kam nach München, um alles zu gewinnen, nicht nur die Champions League.

Wie viel schwieriger wird es in der Champions-League, nachdem Philipp Lahm und Xabi Alonso ihre Karrieren beendet haben?

Wir werden meiner Meinung nach trotzdem in der neuen Champions-League-Saison einer der Favoriten sein. Philipp und Xabi sind Ikonen, von denen wir alle viel lernen konnten. Auf ihren Positionen müssen nun neue Spieler heranwachsen. Aber ich bin mir sicher: Wir haben das Team, um weiter in allen Wettbewerben eine wichtige Rolle zu spielen.

Was denken Sie über die bisherigen Neuzugänge?

Niklas Süle und Sebastian Rudy haben mich in unseren Partien gegen Hoffenheim überzeugt, sie können es bei uns packen. Über Tolisso kann ich mir nicht wirklich ein Urteil erlauben, dafür habe ich die französische Liga zu selten gesehen. In der Europa League hat es Lyon aber gut gemacht.

Uli Hoeneß sprach davon, dass Bayern einen Spieler der Kategorie „Granate“ holen muss, um besser zu werden. Ist Tolisso eine Granate?

Ich glaube, den Verein Bayern München hat immer ausgezeichnet, dass es nicht einen einzelnen Spieler gibt, der alle überragt. Klar will jeder Einzelne so gut wie möglich spielen, aber unsere Mannschaft zeichnet sehr stark der Charakter, der Zusammenhalt aus. Alle Spieler – jene, die schon hier waren, und die neuen – müssen alles geben und zusammen die Mannschaft besser machen.

Dennoch: Bayern kauft nicht in der Preiskategorie der absoluten Topklubs ein, macht keine 100-Millionen-Transfers.

Man muss auch nicht unbedingt so viel Geld ausgeben. Es gibt so viele Spieler mit großen Talenten, die noch zu entdecken sind und die nicht diese Unmengen an Geld kosten. Das ist eben der Weg des FC Bayern: einen Spieler verpflichten und ihn formen. So war es immer, das habe ich an diesem Verein schon in Spanien immer bewundert. Die Verantwortlichen arbeiten sehr gut und mit Auge.

Haben der FC Barcelona und Real Madrid mehr Granaten als der FC Bayern?

Vergleichen Sie doch die Teams. Wir haben auch Weltstars. Es gibt keinen qualitativen Unterschied, wir sind zu 100 Prozent auf dem gleichen Level. Und eines ist sicher: Wenn wir in der Kabine sind, sprechen wir nicht über Weltstars, sondern über Kameradschaft.

Sie kennen Alexis Sánchez noch aus Ihrer Zeit beim FC Barcelona. Was denken Sie über ihn?

Ich kenne ihn nicht nur aus der gemeinsamen Zeit, sondern auch als Gegenspieler. Er ist ein Spieler mit viel Qualität.

Im Finale des Confed Cups verlor Sánchez mit seinen Chilenen 0:1 gegen Deutschland, die junge DFB-Auswahl spielte ein tolles Turnier. Was denken Sie über den deutschen Nachwuchs?

Die Fülle an guten, jungen Spielern in Deutschland ist überwältigend! Sie spielten mit einer sehr jungen Mannschaft beim Confed Cup und konnten doch mit den topbesetzten Teams der anderen Länder mithalten. Es gibt Kimmich, Draxler aus der ConfedCup-Mannschaft, Meyer in der U 21 und dazu Spieler wie Sané. Das macht Deutschland auch für die WM 2018 so gefährlich. Aber ganz ehrlich: Das hat mich auch nicht überrascht.

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