Hoeneß fordert: Mehr Talente statt teurer Stars
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Hoeneß fordert: Mehr Talente statt teurer Stars Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Hoeneß fordert: Mehr Talente statt teurer Stars

Seit Alaba hat es kein Eigengewächs mehr zu den Profis geschafft

Das Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern wird am 1. August in der Nähe der Allianz Arena eröffnet. Der Name ist intern bereits beschlossen: Als neuer „FC Bayern Campus“ soll es die Zukunft des Rekordmeisters sichern – und dem Klub viel Geld sparen.

„Es kann natürlich nicht der Sinn sein, dass wir Millionen in die Jugendausbildung investieren und den Talenten den Weg mit teuren Stars von außen verbauen“, stellt Aufsichtsratschef Uli Hoeneß (65) gegenüber SPORT BILD klar. „Der FC Bayern wird selbstverständlich weiterhin in Stars investieren, wenn wir auf einer Position Bedarf sehen. Doch vorher müssen wir schauen, ob wir dafür nicht in den eigenen Reihen jemanden haben.“

Mit dem damals gerade mal 17-jährigen David Alaba schaffte zuletzt in der Saison 2009/2010 ein Bayern-Talent den Sprung zu den Profis. Seither hat der Klub rund 410 Mio. Euro für Neueinkäufe ausgegeben. Hoeneß hat das Luxus-Problem der Vergangenheit erkannt. „Uns ging es wirtschaftlich gut, wir konnten uns nahezu jeden Transfer leisten. Das Ergebnis ist nun, dass wir seit David Alaba keinen eigenen Jugendspieler mehr herausgebracht haben, und das ist auch schon sieben Jahre her“, sagt der Bayern-Präsident.

Alaba selbst sieht das ähnlich. „Es ist sehr schade, dass es seit mir kein Talent mehr gepackt hat. Ich bin aber überzeugt, dass bei Bayern der Sprung für Talente zu den Profis weiterhin möglich ist“, sagt der heute 24-jährige Profi zu SPORT BILD. „Man spürt im Klub den Aufschwung im Jugendbereich unter Uli Hoeneß. Es wird wieder genauer auf die Talente geschaut, und das Potenzial ist vorhanden. Ich hoffe, dass wir bald die Früchte dieser Arbeit ernten werden.“

Erste Umstrukturierungsmaßnahmen von Hoeneß zeigen bereits Wirkung. Sowohl die U 19 als auch die U 17 der Bayern stehen an den Tabellenspitzen ihrer Bundesligen Süd/Südwest. Auch aufgrund der neuen Heimstärke. Sie nahm Hoeneß in Angriff, als er als Freigänger während seiner Haftstrafe tagsüber in den Klub zurückkehrte. Der heutige Aufsichtsratschef fuhr als „Assistent der Abteilungsleitung Junior-Team“ zu einigen Heimpartien. Die A-Jugend spielte 34 Kilometer entfernt in Heimstetten, die B-Jugend 36 Kilometer von der Säbener Straße entfernt in Aschheim.

„Das kann nicht sein, das ist nicht Bayern München!“, dachte sich der Ex-Manager und fasste einen Entschluss: Er ließ einen Platz an der Säbener Straße verlängern und Flutlichtmasten umbauen. Seither reisen die Gegner mit gehörigem Respekt zur Zentrale des Rekordmeisters.

Die Talente der Erfolgsteams werden europaweit beobachtet. Für Timothy Tillman (18) fragte bereits der FC Barcelona nach, doch Hoeneß blockte ab. Ebenfalls im Mittelfeld versuchte Hoffenheim den 18-jährigen Adrian Fein abzuwerben – vergeblich. Der DFB macht derweil Druck, dass B-Jugend-Stürmer Progon Maloku (17) die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt, damit er später für den Weltmeister und nicht für den Kosovo Tore schießt. Mittelfeldspieler Daniels Ontuzans (17) durfte unter Ex-Trainer Pep Guardiola schon als 14-Jähriger bei den Profis mittrainieren.

In der B-Jugend glänzen in dieser Saison Marcel Zylla (offensives Mittelfeld, 23 Spiele, 11 Tore, 11 Vorlagen) und Franck Evina (Stürmer aus Kamerun, 23 Spiele, 21 Tore, 9 Vorlagen).

Damit die Talente den richtigen Weg einschlagen, wurde Hermann Gerland (62) auf den Posten des Sportlichen Leiters des Bayern-Campus befördert. „Schließlich sind unter ihm schon die Lahms und Schweinsteigers entwickelt worden“, begründet Hoeneß die Entscheidung für Gerland und gegen den einstigen Jugendchef Heiko Vogel, der zwischenzeitlich vorgesehen war. Bei seinem Amtsantritt fragte Gerland als Erstes: „Und wohin kommt das Kopfballpendel …?“ Das Bundesliga-Urgestein soll die alten Werte Disziplin, Ordnung und Erziehung wieder in den Vordergrund stellen.

Die Bayern planen derzeit mit 15 bis 25 Jugendlichen, die fest am Campus in den neuen 30 Appartements wohnen werden. Die Kapazität können sie jederzeit verdoppeln, weitere 30 Wohnungen stehen dafür im Rohbau bereit. Anders als beispielsweise bei Paris Saint-Germain, das Kinder ab zwölf Jahren einquartiert, lassen die Münchner erst Jugendliche ab 15 Jahren zu.

Zur neuen Saison ziehen die Jugendteams komplett an den Bayern-Campus, allein die Spieler der Amateur-Mannschaft werden weiter an der Säbener Straße in Sichtweite der Profis trainieren. Sie sollen den Kader von Trainer Carlo Ancelotti bei Bedarf auffüllen, von den Stars lernen. Denn: Ausgerechnet die U 23 liegt auf Platz drei in der Regionalliga Bayern weit hinter den Erwartungen.