Bartra: „Die Pokal-Party toppt jetzt alles!“
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Bartra: „Die Pokal-Party toppt jetzt alles!“ Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Marc Bartra: „Die Pokal-Party toppt jetzt alles!“

Der BVB-Star im Interview

Den 11. April 2017 wird er niemals vergessen: Auf dem Weg vom Mannschaftshotel zum Signal Iduna Park vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Monaco explodierten in einer Hecke neben dem Dortmunder Team-Bus drei Sprengsätze mit Splitterbomben.

Dabei wurde Marc Bartra schwer am Arm verletzt. Der Spanier zog sich Fremdkörper-Einsprengungen und einen Bruch der Speiche am rechten Handgelenk zu. Genau 50 Tage nach dem Anschlag spricht er jetzt emotional über die Minuten im Bus – und die Folgen für sein Leben.

Zum Termin mit SPORT BILD brachte Bartra den DFB-Pokal mit, kam ohne seine Arm-Manschette, die er bei den Spielen zum Schutz tragen muss. So war seine Narbe, die mit fünf Stichen genäht wurde, deutlich zu sehen.

SPORT BILD: Herr Bartra, wie haben Sie Ihren ersten Titel in Deutschland erlebt?

Marc Bartra (26): Es war einfach unbeschreiblich. Ich habe in Dortmund schon viel Unterstützung durch die Fans erlebt, aber was am Sonntag am Borsigplatz und in den Straßen los war, toppte alles. Ich konnte es förmlich in den Gesichtern all der Kinder, Frauen und Männer sehen, wie glücklich sie sind. Das hat mich sehr an Barcelona erinnert, da war der Siegerkorso auch ganz speziell. Aber in Dortmund habe ich noch einen Tick extremer gefühlt, wie viel den Menschen hier der Fußball und der BVB bedeuten.

Nach dem Finalsieg gegen Frankfurt haben Sie sich in Berlin ein Stück vom Tornetz herausgeschnitten. Warum?

Als ich mit Barcelona das Finale der Champions League 2015 in Berlin gewonnen habe, hat Piqué das Tornetz rausgeschnitten. Ich wollte damals ein Stück abhaben, aber wir haben das bei den Feierlichkeiten dann irgendwie vergessen. Dieses Mal habe ich mir schon im Vorfeld gesagt, dass ich es auf keinen Fall vergessen darf.

Was passiert damit jetzt?

Das ist eine schöne Erinnerung und kommt in meine Sammlung mit den vielen Trikots und Medaillen, die ich schon zu Hause habe.

Marc Bartra und sein ganz persönliches Souvenir. Marc Bartra und sein ganz persönliches Souvenir. Quelle: Getty Images / All rights reserved.

So feierte der BVB am Borsigplatz

Ist durch den Titelgewinn auch der schreckliche Anschlag vom 11. April vergessen?

Nein, das werde ich niemals vergessen können. Aber ich kann es sehr gut verdrängen. Das schaffe ich vor allem durch die riesige Unterstützung von meiner Familie, Freunden, der Mannschaft, dem Verein und den Fans. Am Anfang war es aber extrem schwierig.

Wie oft haben Sie seitdem an die Ereignisse im Bus gedacht?

Das passiert immer wieder. Zum Beispiel, wenn es irgendwo einen Knall gibt. Oder wenn ich in den Mannschaftsbus steige. Die ersten Wochen war ich sehr nervös, aber jetzt macht mich das noch stärker, weil ich weiß, dass ich diese Hürde überwunden habe.

Hatten Sie auch Albträume?

Nur ein einziges Mal, obwohl da schon fast vier Wochen seit dem Attentat vergangen waren. Ich bin mitten in der Nacht schweißgebadet aufgewacht. Der ganze Moment lief noch einmal wie ein Film ab. Das war sehr real. Erst als ich gemerkt habe, dass ich in meinem Zimmer liege, war ich total erleichtert, fast schon glücklich.

Können Sie darüber sprechen, was im Bus genau passiert ist?

Ja, mittlerweile ja. In den ersten Tagen fing ich dabei immer zu zittern an. Auf dem Weg vom Hotel in den Bus haben wir noch Autogramme geschrieben und Fotos mit den Fans gemacht. Im Bus war eine superfriedliche Stimmung, so ruhig war es, glaube ich, noch nie. Wir waren an diesem Tag alle total fokussiert und hatten das Spiel gegen Monaco im Kopf.

Und dann?

Es gab auf einmal einen lauten Knall. Von der Seite spürte ich eine warme Druckwelle, dann große Schmerzen am Arm. In meinen Ohren piepte es. Ich hörte eigentlich nur noch das Piepen und das dumpfe Geschrei von Roman, Nuri und Schmelle (Bürki, Sahin und Schmelzer; d. Red.). Sie riefen: „Marc, auf den Boden, leg dich hin.“ Ich war erst mal wie paralysiert. Von meinem Arm tropfte Blut.

Wie ging es weiter?

Ich schaffte es, mich auf den Boden zu legen. Eine unglaubliche Hitze breitete sich in meinem Körper aus. Ich musste heulen und war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Dann war auch schon unsere Physiotherapeutin Swantje da. Sie gab mir immer wieder Ohrfeigen und schrie dauernd, dass ich nicht einschlafen solle. Dazu spritzte sie mir Wasser ins Gesicht. Das lief alles in zehn Minuten ab, aber mir kam es wie Stunden vor. Die große Angst war, dass wir nicht wussten, ob wir sicher sind oder es weitere Angriffe geben würde. Diese Ungewissheit war fast das Schlimmste daran.

Wen haben Sie danach als Erstes angerufen?

Ich konnte niemanden anrufen. Bei der Explosion hatte ich mein Handy in der Hand. Das ist durch den Bus geflogen, und es wurde mir erst später wiedergebracht. Wahrscheinlich hätte ich es in dem Moment eh nicht benutzen können. Nachdem ich versorgt wurde, habe ich dann meine Freundin Melissa angerufen. Das war sehr emotional.

Wie viele Briefe oder SMS haben Sie in den Tagen danach bekommen?

Ich habe sie nicht mehr gezählt. Von so vielen Leuten, die ich vorher gar nicht kannte. Von Fußballern, von Trainern, Sportdirektoren. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Besonders schön war, dass meine Mitspieler am nächsten Tag gegen Monaco T-Shirts trugen, auf denen sie mir Mut machten.

Auf den T-Shirts stand „mucha fuerza“, was auf Deutsch „viel Kraft“ bedeutet. Was hat Sie darüber hinaus noch berührt?

Überragend war der Besuch von Nuri, Schmelle und Gonzalo (Castro; d. Red.) nach meiner Arm-OP. Die drei sind direkt nach dem Spiel gegen Monaco ins Krankenhaus gekommen. Das war kurz nach Mitternacht, und ich war gerade erst aus der Narkose aufgewacht. Das hat mir extrem viel bedeutet.

Was hat sich seitdem in Ihrem Leben, Ihrem Alltag verändert?

Ich habe ein anderes Verständnis für Zeit bekommen. Was in zwei, drei Tagen ist, ist unglaublich weit weg. Ich habe am eigenen Körper erfahren müssen, wie schnell sich das Leben verändern, gar vorbei sein kann. Deshalb genieße ich meine Zeit viel intensiver.

Sitzen Sie noch immer auf dem gleichen Fensterplatz im Bus?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich das erste Mal wieder eingestiegen bin. Das war in Monaco beim Rückspiel. Ich stand vorne im Gang und konnte nicht weiter. Ich habe mich tief in den erstbesten freien Sitzplatz fallen lassen. Aber als ich wieder regelmäßig mit dem Team unterwegs war, konnte ich damit umgehen. Ich wollte wieder mein gewohntes Leben leben. Und deshalb sitze ich wieder genau da, wo ich immer saß. Hinten in der Ecke.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sagte, er könne sich vorstellen, den mutmaßlichen Attentäter zu treffen, um die Motive besser verstehen zu können. Sie auch?

Nein, auf keinen Fall. Der Attentäter verdient es nicht, dass ich auch nur eine Sekunde an ihn verschwende.

Spürten Sie erstmals im Leben so etwas wie Hass auf einen Menschen?

In den ersten Tagen ging es vielleicht in diese Richtung. Aber ihn zu hassen wäre schon zu viel Aufmerksamkeit, und deshalb tue ich es auch nicht. Ihm war völlig egal, wie vielen Leuten er Leid zugefügt hat.

Nach dem Spiel gegen Hoffenheim haben Sie geweint, nach dem Pokalsieg auch. Vergießen Sie sonst oft Tränen?

Nein, ich bin eigentlich nicht so nah am Wasser gebaut. Aber die Partie gegen Hoffenheim hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich habe bis dahin so viel erlebt. Ich dachte ja, dass ich vielleicht nie wieder Fußball spielen kann. Und dann war das Spiel auch noch so spannend mit dem entscheidenden Elfmeter. Mit dem Abpfiff hat sich bei mir dann alles entladen. Ich war wieder da, ich stand wieder auf dem Platz. Einfach ein unbeschreibliches Gefühl.

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